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Wohnen im Bahnwaggon


Seit seiner Jugend träumte Marco Stepniak davon, in einem Bahnwaggon zu leben. Jetzt verwirklicht der 34-Jährige seinen Traum: In einem Marler Gewerbegebiet baut er zwei ehemalige Postwagen in ein Wohn- und Bürogebäude um.

von Alexander Kruse am 16.10.2010



„Nicht öffnen, bevor der Zug hält“, steht an der Haustür von Marco Stepniak. Es ist nicht das Einzige, was an der zukünftigen Wohnung des 34-Jährigen nicht ganz der Norm entspricht. Genau genommen ist hier rein gar nichts normal. Stepniak zieht in einen Bahnwaggon.

Es ist ein einzigartiges Projekt, das da in einem kleinen Marler Gewerbegebiet verwirklicht wird.  Auf einer kleinen Anhöhe in der Sinsener Wallstraße stehen zwei alte Postwaggons der Deutschen Bundesbahn nebeneinander. 4 Millionen Kilometer sind sie zwischen 1975 und 1997 kreuz und quer durch Deutschland gefahren. Die allerletzten nicht mehr auf Schienen, sondern auf einem großen Anhänger, der die schwere Last nach Marl-Sinsen geschleppt hat. Hier ist nun Endstation. Endgültig.

26 Meter messen die Waggons in der Länge. Ihr Inneres ist mit beige-gelbem Kunstholz verkleidet. Stromkabel baumeln von der Decke, der Geruch von feuchter Pappe liegt in der Luft. Hier und da hängen noch alte Regale mit unzähligen kleinen Fächern, in denen früher die Post sortiert wurde.

"Eine Sau-Arbeit"

[caption id="attachment_279" align="alignright" width="300" caption="Bis aus dem Waggon eine Wohnung geworden ist, wartet noch eine Menge Arbeit auf Marco Stepniak und Vanessa Stallbaum."][/caption]

Von außen betrachtet wirkt das Bild weniger chaotisch. Frisch gestrichen und auf Hochglanz poliert glänzen die Postwagen heute im leichten Nieselregen. „Eine Sau-Arbeit war das", sagt Stepniak, der vier Monate brauchte, um die Außenoptik wieder in den Originalzustand zu versetzen. Das, was jetzt ansteht, wird länger dauern.

Vanessa Stallbaum hat schon mal damit angefangen, die Kunststoffverkleidungen herauszureißen. „Die Wände müssen alle neu isoliert werden", seufzt die 27-jährige Fotoredakteurin, die sich ebenfalls auf das Abenteuer „Leben im Bahnwaggon" einlässt. Nicht nur ihrem Freund Marco zuliebe: „Wir haben einfach mal rumgesponnen und wollten sehen, wie weit wir kommen."

Die Wahl fiel zufällig auf Marl

Wie diese Idee überhaupt zustande gekommen ist, lässt sich nicht mehr einwandfrei feststellen. „Es gab mal in Dorsten ein Kulturzentrum im Eisenbahnwaggon - mit Kicker und allem Drum und Dran", erinnert sich Stepniak. „Als das dicht gemacht hat, war ich fix und fertig." Damals war er 15 Jahre alt und hat sich selbst versprochen, eines Tages einen eigenen Bahnwaggon zu haben. 19 Jahre später fand er im Internet gleich zwei davon - zu einem Preis, den andere Leute für einen gut ausgestatteten Mittelklassewagen ausgeben.

Dass es Marco Stepniak und Vanessa Stallbaum mit ihrer mehr als ungewöhnlichen Eigentumswohnung ausgerechnet nach Marl verschlagen hat, ist purer Zufall. „Es musste ein Bahnhof in der Nähe sein, und ich brauchte mindestens 800 Quadratmeter Grundstück zu einem bezahlbaren Preis", sagt der gegenwärtig in Recklinghausen lebende Fotograf. Nach dem Überwinden einiger bürokratischer Hürden fiel die Wahl schließlich auf das Gewerbegebiet in Sinsen, wo Stepniak in seinem Postwaggons wohnen und arbeiten wird.

"Wir verwirklichen uns einen Traum"

Bevor es so weit ist, müssen nicht nur die Wagen weiter ausgebaut, sondern auch ein unterkellertes Durchgangszimmer errichtet werden, das die Wohnschläuche miteinander verbindet. Ein Bauvorhaben, das den ausführenden Architekten Jens Blome ins Schwärmen geraten lässt: „Ein großartiges Projekt - ich kenne in Deutschland nichts Vergleichbares!"

[caption id="attachment_286" align="alignleft" width="300" caption="Große Pläne: Zwischen die Waggons wird ein Verbindungszimmer gebaut."][/caption]

Freunde und Verwandte von Marco Stepniak und Vanessa Stallbaum waren zunächst weniger euphorisch: „Anfangs fanden alle unsere Idee komisch", sagt Vanessa Stallbaum. „Mittlerweile ziehen aber die meisten den Hut, weil wir uns hier einen Traum verwirklichen."

Noch errinnert das chaotische Innenleben der beiden Postwaggons keineswegs an einen Traum. Kreischende Geräusche und fliegende Funken füllen das zukünftige Domizil, als Stepniak zur Schleifmaschine greift. „Ein Zurück gibt es jetzt nicht mehr", brüllt der Postwagenbesitzer. Dann legt er das schwere Gerät beiseite und zeigt, wo irgendwann einmal die Badewanne stehen soll. Wenn dann die Sonne scheint, erzählt er mit leuchtenden Augen, werde er beim Baden einfach die Waggontür öffnen und nach draußen in die Bäume schauen: „Das ist doch viel schöner als ein Leben im Reihenhaus."

Das ungewöhnliche Wohnprojekt von Marco Stepniak wird von Vestimmo begleitet. Mit regelmäßigen Berichten wird der Umbau der Eisenbahnwaggons zu einer kombinierten Wohnung und Arbeitsstätte begleitet.

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