
Die Politiker wollen wissen, was es bedeutet, in Häusern zu leben, die so genannten neuen Investoren gehören. Sie haben Gutachter beauftragt, hier nachzuforschen. Michael Behrens (45) hat praktisch sein bisheriges Leben hier verbracht – und gibt klare Antworten, wenn er nach den Zuständen in dieser Siedlung gefragt wird. 2008, als ganze Platten sich von der Fassade lösten und abfielen, gründete er mit anderen eine Interessengemeinschaft, die für die Belange der Bewohner kämpfte – ohne Erfolg.
Mit seinem Nachbarn und Bekannten Klaus Tiedtke, der erst am 1. Mai 2010 an die Ostpreußenstraße zog, geht Behrens durch die Siedlung, erzählt selbst erlebte Geschichten und solche seiner Mitbewohner.
Kalt ist es fast überall in den Häusern, berichtet der Stamm-Mieter, bitter kalt, weil etliche der Nachtspeicher-Heizungen einfach nicht mehr funktionieren. Ausgetauscht, sagt er, würden die wenigsten. Ein offenes Geheimnis an der Ostpreußenstraße: Es wird gemunkelt, dass etliche Mieter sich auf eigene Faust Propangas-Brenner angeschafft haben.
Nicht ganz richtig, entgegnet Nina Kornas, bei der Dortmunder Hausverwaltung Rothe zuständig für diese Marler Siedlung. Es sei geplant, wie vom Gesetzgeber gefordert, die Nachtspeicher-Öfen komplett gegen neue, modernere Technik auszutauschen. Gedacht sei an ein Fernwärme-System. In zwölf Wohnungen mit defekten Nachtspeicher-Geräten habe man Öl-Radiatoren aufgestellt.
Stressthema Stromversorgung
Stromversorgung ist nach den Worten der Mieter ohnehin ein Stressthema: In vielen Wohnungen, erzählen die Mieter, gibt es gleich zwei Besonderheiten: 1. Die elektrischen Leitungen seien zweiadrig, wie vor Jahrzehnten üblich. Eine Erdung fehle. Die Sprecherin der Hausverwaltung bestätigt, dass solche Wohnung noch existieren. 2. Behrens selbst kennt eine ganze Reihe von Wohnungen, die zwar einen Sicherungskasten haben, nicht jedoch über einen Hauptschalter (einen so genannten „FI“) verfügen. Auch dies bestreitet die Hausverwaltung nicht.
Hat der Vermieter für diese und noch weitere Probleme ein offenes Ohr? Bei dieser Frage müssen die befragten Mieter fast lachen. Sie zahlen ihre Miete an eine Firma mit Sitz in Gibraltar – und vermuten, dass sie nach wie vor Eigentümerin ist. Richtig geraten: Nina Kornas bestätigt diese Vermutung. Die Häuser gehören der Terra Heimbau 2 mit Sitz in Gibraltar. Das Unternehmen ist Eigentum israelischer Privatleute.
Eine Frage, auf die Mieter und Verwalter übereinstimmend antworten: Rund 50 der 192 Wohnungen in dieser Siedlung stehen leer. Die Projektleiterin gibt zu erkennen, dass Objekte, die noch nicht über eine moderne Heizung verfügen, nicht so leicht zu vermieten sind.
Zwei Wochen bis zur ReparaturGanz kompliziert, sagen die Mieter, wird es, wenn Mängel auftreten. Bewohner sollen mitunter schon bis zu zwei Wochen gewartet haben, bevor gemeldete Schäden wie nicht funktionierende Abflüsse beseitigt wurden. Erst nach acht Monaten seien neue Fensterdichtungen als Ersatz für die alten, defekten gekommen. Er habe sie selbst eingesetzt. Einen Hausmeister gibt es auch, berichten die Betroffenen. Er sei einmal in der Woche in der Siedlung anzutreffen. Angaben, die in Dortmund nur teilweise bestätigt werden: Laut Nina Kornas habe sich die Verwaltung aus Kostengründen für einen Hausmeister-Service, nicht für einen festen Hausmeister entschieden. Für dringende Fälle gäbe es Notfall-Anschlüsse, teilweise auch per Mobiltelefon.
Der Alltag an der Ostpreußenstraße könnte demnächst nicht nur die Gutachter beschäftigen, die sich für die Enquete-Kommission in der Siedlung umsehen. Mehrere Mieter – es sollen bereits über 30 seien – wollen mit Hilfe von Anwälten versuchen, ihre Wohnverhältnisse zu verbessern – und vielleicht auch den Füllungsgrad ihres Geldbeutels. Im Fokus stehen hier die Nebenkosten-Abrechnungen, die nach Auffassung der Betroffenen in keinem Verhältnis zur Realität der Siedlung stehen. Mehr als 500 Euro sei etwa für ein Haus an Kosten für den Winterdienst berechnet worden – „die Firma war gerade dreimal hier“. Entgegnung aus Dortmund: Den Mietern werde nur in Rechnung gestellt, was die beauftragten Firmen in Rechnung gestellt hätten.
Was den Stamm-Mieter ganz besonders ärgert: „Das war hier mal eine Vorzeigesiedlung. Die Leute sind mit Bussen gekommen, um sie sich anzusehen.“ Ankündigung von Nina Kornas: Ein „unheimlich hoher Betrag“ sei eingeplant, um die Siedlung in Drewer wieder aufzuwerten. Die Mittel-Freigabe stehe aber noch aus.