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Unterwegs mit dem Kammerjäger


Wenn Kammerjäger Heinrich Lammering aus Herten kommt, ist es noch nicht zu spät.

von Alexander Kruse am 01.01.2012



Immer wenn Heinrich Lammering mit seinem Dienstwagen vorfährt, sollte er am besten gar nicht da sein. Oder er sollte wenigstens schnell wieder verschwinden. Denn so richtig wollen ihn die Menschen, die ihn beauftragen, gar nicht in den eigenen vier Wänden haben. Und die Nachbarn sollen gar nicht erst wissen, dass er im Haus gegenüber seiner Arbeit nachgeht. Deshalb hat Lammering auch keine Werbung auf seinem Auto. Ansonsten müsste der Hertener einige Straßen weiter parken. Auf das betroffene Haus soll ja kein negatives Licht fallen. Denn wenn Lammering kommt, hat das für die Betroffenen immer einen negativen Beigeschmack. Ihr Haus ist befallen. Ein sorgenfreies Wohnen ist nicht mehr möglich. Wespen, Schaben, Asseln, Mäuse oder Ratten haben sich ungewollt unter dem eigenen Dach eingenistet. Lammering tritt gegen sie an. Lammering ist Kammerjäger. Er beseitigt das, was im Allgemeinen als unrein, als eklig, als abstoßend gilt. Er beseitigt das, wovor einige Menschen große Angst haben.

Lammerings Hauptgegner: Raten, Mäuse, Schaben

Dabei sind es nicht immer die Bilder, die einem beim Begriff Kammerjäger sofort in den Kopf schießen, die Heinrich Lammering Tag für Tag zu sehen bekommt. Teilweise sind es Routineaufgaben – besonders bei Gewerbebetrieben. Teilweise schützt Lammering das Haus vor Insekten wie Wespen, die zwar als nervig, aber nicht gerade als Tiere gelten, die sich zwangsläufig in Schimmelhäusern aufhalten. Nicht immer nämlich können die Hauseigentümer selbst etwas für den Befall von Ungeziefer. Das Problem tritt quer durch alle Schichten auf, wie Heinrich Lammering beobachtet hat, und es hat nicht immer mit der eigenen Hygiene zu tun.

Die Schädlinge hätten sich in manchen Fällen auch die nächste Haustür aussuchen können, haben sich aber bei den Betroffenen niedergelassen. Teilweise führen die Aufträge den Kammerjäger aus Herten an den Rand der Belastbarkeit – obwohl er sich während seiner zehnjährigen Selbstständigkeit ein ziemlich dickes Fell angeeignet hat. In den überwiegenden Fällen geht es um tierische Schädlinge. „Im Normalfall geht es um Ratten, Mäuse oder Schaben“, sagt Lammering. Oder auch Wespen, Flöhe oder Hornissen. An einem weniger normalen Tag musste der Hertener auch schon mal eine Wohnung von Insekten befreien, in der zwei Wochen lang ein toter Mann lag. Auch wenn die Dienstleistung nicht gerade zu den Lieblingsdisziplinen rund um die Immobilie zählt: Erst wenn Heinrich Lammering die Schädlinge beseitigt hat, ist das Leben in den betroffenen Häusern auch wieder lebenswert.

Kontrolle in Gelsenkirchen-Buer

Heute ist es eine reine Routineaufgabe. Eine Gaststätte in Gelsenkirchen-Buer. Wo genau? Darüber soll hier nichts Konkretes stehen. Die Gaststätte hat dasselbe Problem wie alle Auftraggeber von Schädlingsbekämpfern. Sie will auf keinen 

Fall mit ihrem Dienstleister in Zusammenhang gebracht werden. Dabei ist es vor allem für Gastronomen Pflicht, ständig zu überprüfen, ob sich Schädlinge in ihren Räumen befinden – schon alleine aus reinem Selbstschutz, aber auch von Gesetzes wegen. Gastronomen müssen ihre Räume überwachen. „Das machen sie aber mit Sicherheit nicht an den offensichtlichsten Stellen“, sagt Heinrich Lammering, „als Gast sollte man die Prüfmaßnahmen nicht zu Gesicht bekommen.“ Beliebte Verstecke für die Fallen sind deshalb immer dort anzutreffen, wo der Gast in der Gaststätte oder im Restaurant niemals hinschauen wird.

Quer durchs Restaurant Fallen verstreut
Quer durch das Gelsenkirchener Restaurant hat Heinrich Lammering die Fallen verstreut. Dabei handelt es sich um sogenannte Monitor-Fallen. Das sind Zigarettenschachtelgroße Plastikboxen, bedeckt mit einem speziellen Klebtoff. Wenn ein Insekt „anbeißt“, bleibt es sofort hängen und stirbt mit der Zeit. Lammering zieht mit einem Verlängerungsstock alle Fallen aus ihren Verstecken hervor. Der Betrieb kann sich glücklich schätzen. Heute sind alle Fallen verwaist – immerhin etwa ein Dutzend. Nur eine kleine Spinne hat sich verirrt. Normalerweise sind die Monitor-Fallen für Schaben vorgesehen. Schlecht wäre es, wenn eine Schabe in der Falle säße oder gar der keksförmige Köder angeknabbert wäre – das hieße, es gäbe Mäuse oder Ratten in dem Restaurant. Dann schlägt Lammering Alarm.

Auch wenn ein Schädling bereits auftritt, fange ich die Bekämpfung an“, sagt Lammering – und zwar mit aller Willenskraft. Nachdem die Schädlinge mit den Monitor-Fallen angelockt wurden, kommt  zu den Lockmitteln jetzt Gift hinzu. „Schaben verstecken sich zum Beispiel in Ritzen, da integrieren wir in den Hausfugen, wo Kinder nicht hinkommen können, dann ein Gift, an dem die Tiere zu Grunde gehen, wenn sie es fressen.“ Anders bei Mäusen: Hier kommt ein spezielles Gift zum Einsatz, das bei der Maus ähnlich wirkt wie Marcurmar bei Menschen. Nimmt die Maus das Gift auf, gerinnt das Blut und die Maus wird künstlich zum Bluter. Gifte kommen aber immer nur dann zum Einsatz, wenn die Tiere gefährlich für den Menschen sind – wenn sie beispielsweise Krankheiten auf den Menschen übertragen könnten.

Bienenschwarm ohne Opfer umgesiedelt

In einem anderen Fall hatte sich ein Bienenschwarm vor einem Mehrfamilienhaus in einem Strauch angesiedelt. Die Bewohner fühlten sich von den Insekten bedroht. In dem Fall griff Lammering nicht zum Gift, sondern zum Wassersprüher. Er besprühte die Bienenansammlung mit Wasser, um ein Ausschwärmen der Tiere zu vermeiden. Im Anschluss schlug er mit einem Stock auf den Ast, auf dem sich die Bienen angesammelt hatten. Das Bienenvolk fiel fast komplett in den Umsiedlungskarton, den Lammering, mit Lüftungslöchern versehen, darunter platziert hatte. Den Karton übergab er einem Imker.

Was teilweise grausam für die Tiere klingt, ist für die Hausbesitzer oft die letzte Rettung. Gastronomen kann ansonsten die Betriebserlaubnis entzogen werden. So wie einem Bäcker in Oberhausen: Das Gesundheitsamt hatte ihm bereits auferlegt, die Backstube von Ratten zu säubern. Bereits zuvor hatte die Firma Ärger gemacht. Um dem Amt etwas vorzulegen, engagierte die Bäckerei Heinrich Lammering. „Zwar waren die Ratten dann weg. Als wir aber zusammen mit dem Kontrolleur in der Backtube standen und Hackfleisch, das verarbeitet werden sollte, in der Hitze eine halbe Stunde ungekühlt herumlag, wurde dem Bäcker der Laden geschlossen.“

Dazu waren die Ratten mit der Auslöser. In der Regel sind es aber Immobilienbesitzer, die nicht durch Eigenverschulden den Kammerjäger rufen mussten. Trotzdem: Heinrich Lammering hat gelernt, sich nur noch auf sich selbst zu verlassen. Auf die Angaben der Hausbesitzer verlässt er sich jedenfalls nicht mehr. Zu sehr geht es bei seinem Beruf auch um seine eigene Gesundheit, wie es ihm ein Einsatz in Herten eindrucksvoll vor Augen führte.

Ohne Schutzanzug 260 Flohbisse

Kürzlich nämlich hatte ihn dort eine Hausbesitzerin gerufen. Die war nach eigenen Angaben zuvor mit ihrem Hund Gassi gegangen. Dabei hätte sich der Vierbeiner Flöhe eingefangen. „Ein paar Flöhe“, sagt Lammering, „hat die Frau extra betont.“ Als er die Wohnung ohne Schutzkleidung betrat, hatte er auch schon 260 Flohbisse auf einen Schlag. Der leichte Flohbefall entpuppte sich als kleine Plage. Lammering kehrte mit einem Spezialanzug zurück, um sich selbst zu schützen, und beseitigte die Schädlinge.

In der Gastronomie in Gelsenkirchen-Buer gibt Heinrich Lammering heute dagegen schnell Entwarnung. Der Inhaber darf kräftig durchatmen. Denn gäbe es Schädlinge, ließe sich eine Schließung der Räumlichkeiten nur schwer umgehen. Würde der Einfall von Schädlingen publik, wäre auch der Ruf dahin. Die Kosten für eine umfassende Reinigung, die das Budget des Gaststättenbesitzers extrem belasten würden, sind da noch gar nicht eingerechnet. Die Vorsorge trägt in Gelsenkirchen daher Früchte. Alle drei Monate kontrolliert Lammering die Fallen und sorgt so unliebsamen Mitbewohnern vor.

Nicht immer Vorsorge möglich

Dass man aber nicht immer vorsorgen kann, zeigt ein Fall in Castrop-Rauxel. Ein Mann hatte zwei Wochen tot in seiner Wohnung gelegen, ehe er gefunden wurde. „Schön sind solche Aufträge wirklich nicht“, sagt Heinrich Lammering. Als er in die Wohnung kam, war die Leiche bereits abtransportiert. „Was noch da war, waren die Leichensäfte. Wir haben dann alles gereinigt und die Wohnung geruchsneutral gemacht.“ Dazu bedarf es eines sehr dicken Fells. Lammering hat es sich in seinen zehn Jahren als Schädlingsbekämpfer angeeignet – in 600 bis 800 Einsätzen pro Jahr. Über sich selbst sagt Lammering deshalb: „Meine Ekelgrenze ist mittlerweile schon recht hoch.“

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